20.10.2011
18:04

Kennen Sie dieses unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas ganz grundlegend falsch läuft in Politik und Wirtschaft? Dass sich etwas ändern müsste an unserem Banken- und Finanzsystem? So geht es immer mehr Menschen, nicht nur hierzulande. Das Ergebnis davon ist die von einem kanadischen Magazin angestoßene Bewegung „Occupy“.

Ausgehend von den USA („Occupy Wallstreet“), wo seit gut einem Monat zehntausende gegen die Macht der Banken demonstrieren und unter anderem die Brooklyn Bridge in New York besetzten, hat die Occupy-Welle inzwischen auch Deutschland erreicht. Insgesamt gingen 40.000 Menschen auf die Straße, vor der EZB-Zentrale in Frankfurt gibt es seit 10 Tagen ein Protestcamp mit Zelten und Transparenten.

Was genau wollen die Demonstranten nun? Die Palette der Forderungen ist groß: Schlagworte wie „Banken in die Schranken“ und „Moral statt Profit“ finden sich ebenso wie das schlichte „Empört Euch“. Nicht wenige fordern auch eine Finanzmarkttransaktions- oder eine Reichensteuer, manche gar einen kompletten „Reset“ der Staatsschulden und auch Rufe nach Trennbanken oder Freigeld sind zu hören.

Während ich einige Forderungen sofort unterschreiben würde – beispielsweise nach mehr Transparenz und Regulierung der Banken – schüttelt jeder Wirtschaftskundige über manches weltfremde Ansinnen einfach nur den Kopf. Die äußerst heterogene Struktur der Bewegung verleitet folgerichtig viele Beobachter dazu, diese zu unterschätzen und als vorübergehende Erscheinung abzutun. Doch das kann sich aus Sicht der „Herrschenden“ als fataler Irrtum erweisen.

Denn die Occupy-Kampagne ist nur die jüngste Erscheinung einer neuen Form des Bürgerprotests, die ihre Stärke nicht zuletzt dank Facebook, Twitter & Co. entfaltet. Egal ob in Tunesien, Ägypten oder Libyen gegen einen Diktator, in Spanien gegen die horrende Arbeitslosigkeit oder in Stuttgart gegen einen absurd überteuerten, verkehrspolitisch unsinnigen Bahnhof: Die schnellen Mobilisierungs- und Informationsmöglichkeiten des Internet werden gerne unterschätzt.

So konnte ich in Stuttgart live erleben, wie eine von den Medien anfangs ignorierte, ja gezielt falsch dargestellte Bewegung dank der Gegenöffentlichkeit des Internet immer mehr Bürger aufklären, dadurch mobilisieren und zusätzliche Informationen ausgraben konnte. Das Ergebnis: Die seit 57 Jahren regierende CDU wurde in die Opposition gedrängt, jetzt kommt es zum Volksentscheid über das Bahnhofsprojekt.

Ähnlich könnte der Verlauf auch bei Occupy sein: Aus einem diffusen Etwas-muss-sich-ändern-Gefühl heraus auf die Straße getrieben, beschäftigen sich nun zahllose „Amateure“ mit dem, wo Profis wie Politiker und Banker versagen: Lösungen für die Probleme der Finanzbranche zu finden. Ob es gelingt, liegt auch an uns Börsianern: Niemand weiß besser, welche Veränderungen Sinn machen und welche nicht.

Empören daher auch Sie sich und diskutieren Sie mit! Dann können Merkel, Schäuble & Co. die Bewegung bald nicht mehr ignorieren.

Matthias Schrade

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  • 5 Kommentare
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Von Ein Kapitalist
21.10.2011
22:35
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Hallo, natürlich hat jeder das Recht seine Meinung frei zu äußern und so muss es bleiben, allerdings konnte ich leider nur einen Kommentar in den letzten Tagen lesen, der mir vernünftig erscheint. Herr Gauck nennt diese Proteste "albern", weil er selbst erlebt hat was passiert, wenn Politiker das Sagen bei den Banken haben. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich diesen Demonstranten Visa für Nordkorea schenken, dort gibt es nämlich keine Profite und die Banken stehen unter Kontrolle. Ich wette darauf, dass diese Leute spätestens nach sechs Monaten wieder zurück wollen würden. Mit freundlichem Gruß Einer der letzten Kapitalisten PS: Schade, dass außer Herr Gauck keiner wirklich etwas gegen diese Leute sagt, denn die "Political Correctness" scheint wichtiger zu sein, als vor Augen zu führen was dort passiert. Falls die Forderungen erfüllt werden sollten, wäre es der Anfang einer Diktatur.

Von Oibelos
25.10.2011
08:59
Lieber "Ein Kapitalist",

es gibt mehr Farben als nur schwarz und weiß. Im Absatz zu den Forderungen oben steht nirgendwo die Forderung nach Verstaatlichung der Banken und die occupy-Bewegung fordert natürlich nicht den Kommunismus, Stalinismus oder gar die nordkoreanische Chuch'e-Ideologie. Es zeigt sich mittlerweile deutlich, dass der Neoliberalismus nicht nur zu einer Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Verluste, also einer direkten Umverteilung von unten nach oben geführt hat, sondern auch unser kapitalistisches Wirtschaftssystem gefährdet. Das ist keine Marktwirtschaft, wenn Verluste aufgefangen werden (müssen). Die meisten occupy-Bewegten würden sich sicher eine funktionierende soziale Marktwirtschaft wünschen, in der das Vermögen weniger extrem ungleich verteilt ist und sich diese Ungleichkeit nicht ständig weiter verstärkt.

Von Ein Kapitalist
03.11.2011
12:57
....

Hallo Oibelus, danke für Ihren Kommentar. Auf den Plakaten der Occupy-Bewegung werden allerdings sozialistische bzw. kommunistische Forderungen gestellt und somit mit dieser Denkweise sympathisiert. Dazu konnte man auf den TV-Bildern "Attac"-Plakate sehen und das sind Globalisierungsgegner und diese Leute wollen die Verstaatlichung der Banken. Womit wir bei Enteignung wären, was zum Sozialismus gehört. Und wer die Behauptung aufstellt, dass die Reichen immer reicher werden, hat bisher noch keinen Beweis dazu vorgelegt. Eher kann man genau das Gegenteil "beweisen". Schauen Sie sich bitte die Forbes-Reichenliste aus den 80´er-Jahren an und vergleichen diese mit der aktuellen Liste. Und schauen Sie sich auch bitte die Statisktiken an die beweisen, dass hunderte Millionen Menschen in den letzten 20 Jahren der Armut entkommen sind, wegen der Globalisierung und damit wegen der freien Märkte. Übrigens hat die "Rettung" einer Bank oder eines Landes, mit Steuergeldern, nichts mit Liberalismus zu tun. Das ist nämlich Staatssozialismus bzw. "Bankensolzialismus". Jeder der durch Fehlentscheidungen Bankrott geht, muss das Recht haben auch Pleite gehen zu dürfen und das ist Liberalismus. Übrigens auch die Hypothekenkrise in den USA wurde durch staatliche Eingriffe verursacht, denn jeder Hauskauf eines Amerikaners wurde subventioniert. Dazu möchte ich anmerken, dass jeder Einbruch einer jeden Assetklasse immer zu einer Umverteilung führt, denn was der Eine verliert muss der Andere gewinnen. Das kann man die natürliche Umverteilung des Kapitalismus nennen. Gruß Der Kapitalist

Von Rene
15.11.2011
10:21
Wenn die Leute die Finanzmärkte wirklich verstehen würden...

Wenn die Masse der Anleger und Konsumenten die Finanzmärkte wirklich verstehen würden, gäbe es nicht nur Demonstrationen auf den Strassen, sondern umgehend eine Revolution.

Von Der David
29.11.2011
12:50
Occupy?

Interessanter Artikel. Irgendwie war dieses Thema an mir vorbeigegangen. Aber es scheint ja auch schon wieder abzuebben. Oder?

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